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Berlin wächst

Einwohner

Mitte Januar stellte Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) eine neue Prognose zur Bevölkerungsentwicklung Berlins bis zum Jahr 2030 vor. Ausgehend von 3,562 Millionen Berlinerinnen und Berlinern Ende des Jahres 2014 – so viele waren damals im Einwohnerregister der Stadt erfasst – wurde darin für die nächsten anderthalb Jahrzehnte ein Zuwachs von 265000 Personen vorhergesagt.

Es handele sich um die „mittlere Variante“ der Statistiker, meinte die Senatsverwaltung, die hohe wurde nicht genannt. Dabei konnte die Zahl der im vorigen Jahr angekommenen Flüchtlinge gar nicht berücksichtigt werden – wobei 2015 nach Auskunft der Sozialverwaltung 79.034 Flüchtlinge in Berlin ankamen, 54.325 sollen hier geblieben sein. Bleibt die Entwicklung konstant, dann wird der von Geisel genannte Zuwachs bereits ein Jahrzehnt früher erreicht sein als vorhergesagt. Und der Familiennachzug ist noch gar nicht berücksichtigt.

Die Folgen sind klar – wachsen darf nicht nur die Zahl der Menschen, sondern auch die der Wohnungen, der Arbeitsplätze, der Kitas und Schulen, der Krankenhäuser und Pflegeheime. Die Verwaltung braucht dringend mehr Personal, Polizei und Justiz ebenso. Und egal, ob es um soziale, kulturelle oder sportliche Angebote geht, sie müssen in ausreichender Zahl angeboten werden.

Wohnungsbau 

Senator Geisel ging im Zusammenhang mit der Bevölkerungsprognose vor allem auf den Wohnungsbau ein. Bis 2020 müssten 15 000 bis 20 000 Wohnungen im Jahr gebaut werden – eine höhere Zahl zu erreichen, sei wegen dem komplizierten Planungsrecht und den vorhandenen Baukapazitäten unrealistisch.

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In einer neun Punkte umfassenden Ankündigung zur Förderung des Wohnungsneubaus und der Einhaltung sozialer Mietenpolitik kündigte der Stadtentwicklungssenator aber nicht nur neue Siedlungen und neue Bauflächen sowie die rechtzeitige Schaffung der nötigen Infrastruktur an, auch die Verwaltung müsse in Zukunft schneller arbeiten. An neue Stellen wurde dabei aber weniger gedacht, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt formulierte lieber „Berlin strafft seine Strukturen und wird schneller und effizienter“.

Bleibt die Frage, wie teuer das Wohnen angesichts der steigenden Zahl der Berlinerinnen und Berliner in Zukunft werden kann. Nun tun die öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften, was sie können und die Sozialmieten sollen begrenzt und die Belegungsbindungen gesichert werden. Die Zahl der preiswerten Wohnungen, die vom Land Berlin gefördert werden, stimmt aber nachdenklich: In diesem und im letzten Jahr waren es jeweils rund 1.000 Wohnungen, 2016 sollen es 2.500 werden und 2017 rund 3.000. Am Bedarf orientieren sich diese Zahlen jedenfalls kaum. Und auch die stolze Zahl von 100.000 Wohnungen, die in den nächsten zehn Jahren von den kommunalen Wohnungsbaugesellschaften errichtet werden sollen, sind auch nur ein paar Tropfen auf dem heißen Stein. Nicht umsonst erklärte der Senator, dass man ab 2018 über höhere Ausgaben für die öffentliche Wohnungsbauförderung reden müsse.

Auswirkungen auf den Tourismus

Wenn eine Stadt wächst, wird sie in der Regel auch interessanter und zieht mehr Gäste an. Maßnahmen des Senats zur Mehrung und Sicherung des Wohnraumes haben aber auch Auswirkungen auf die Besucher der Stadt. So soll das Zweckentfremdungsverbot besser durchgesetzt werden, stieg in den letzten Jahren doch die Zahl der Wohnungen, die kurzfristig als Ferienwohnungen vermietet wurden. Der Senat will nun die Innenstadtbezirke durch zusätzliches Personal bei der Rückgewinnung von Ferienwohnungen unterstützen, für Bürgerhinweise sollen entsprechende Internetplattformen eingerichtet werden und man hat vor, Ferienwohnungen an die Finanzämter melden.

Die Industrie- und Handelskammer hat dagegen erhebliche Vorbehalte geäußert. „Die Vorschriften schränken die gewerbliche Nutzung von Wohnraum stark ein“ lautete von Anfang an ihre Reaktion, und zur Änderung des Zweckentfremdungsverbot-Gesetzes Ende September vorigen Jahres erklärte die stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführerin Melanie Bähr, dass „unter dem Deckmantel der Wohnungspolitik eine ganze Branche gebrandmarkt“ werde, „die wesentlich zum touristischen Aufschwung von Berlin beiträgt“. Außerdem vernichte der Eingriff allein in Berlin Arbeitsplätze im vierstelligen Bereich und treibe Unternehmen in die Illegalität.

Bleibt die Frage, ob die betroffenen Gäste auch weiterhin nach Berlin kommen. Sie haben auf jeden Fall die Möglichkeit dazu: Die Hotels der Stadt sind im Schnitt zu rund zwei Dritteln ausgelastet, die bisherigen Mieter von Ferienwohnungen können also ausweichen. Und sollte dies aus Kostengründen schwerfallen, so wird sicher die Zahl der Übernachtungen in privaten Haushalten zunehmen. Auch in Hostels gibt es wieder Plätze im gewohnten Maß, seit man keine Übernachtungs-Gutscheine mehr an Flüchtlinge austeilt. Die Zahl der 137.000 bestehenden Hotelbetten kann also ebenso wie die der Berlin-Besucher weiter von Rekord zu Rekord eilen.

P.S.: Die meisten Menschen lebten übrigens im Jahr 1942 in der Stadt – damals gab es 4.478.102 Berlinerinnen und Berliner. Wachstum ist durchaus möglich ...                                my

veröffentlicht 21. 01 2016 15:55
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