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Natürlicher Lernort

Den Botanischen Garten kennen viel mehr Menschen, als ihn besuchen - dabei lohnt sich selbst bei schlechtem Wetter ein Ausflug nach Lichterfelde: Rund 22.000 verschiedene Pflanzen, absolut sehenswerte Gewächshäuser, das botanische Museum und Veranstaltungen mit nicht nur tropischen Pflanzen, sondern auch dazu passender Musik und entsprechenden Drinks können auch im Winter überzeugen. Mehr Farben und Gerüche an einem Ort sind jedenfalls nicht leicht zu finden.
Und der Ort hat Geschichte. So sammelte man wohl schon immer Pflanzen, jedenfalls spätestens, als die Menschen seßhaft wurden und versuchten, pflanzliche Nahrungsmittel selbst zu produzieren. Als erste Berliner Pflanzensammlung gilt der 1573 erwähnte Obst- und Küchengarten des Berliner Stadtschlosses, den Hofgärtner Desiderius Corbianus unter Kurfürst Johann Georg anlegte und aus dem sich später der bis heute vorhandene Lustgarten entwickelte.
Erste Überlegungen für den heutigen Botanischen Garten gab es 1888, als man wegen des Wachstums der Stadt einen neuen, größeren Standort weiter außerhalb suchte. Fündig wurde man auf der 41 Hektar großen Feldmark der Königlichen Domäne Dahlem, einem Kartoffelacker, der lange zur Ortsbezeichnung "Botanischer Garten in Dahlem" führte, obwohl er in Lichterfelde lag. 1899 begann man mit den Bauarbeiten, 1904 wurde das fertiggestellte Freigelände für Besucher eröffnet und 1910 erfolgte nach dem Bau der Gewächshäuser die "offizielle“ Eröffnung.
Nach dem Krieg wurde auf den Freiflächen bis zum Ende der Berlin-Blockade Gemüse angebaut, erst 1949 begann mit amerikanischer Finanzhilfe der Wiederaufbau, der 1968 mit der Eröffnung des Großen Tropenhauses abgeschlossen war. Auch am Botanischen Museum dauerte die Instandsetzung bis 1987 und die im Krieg zerstörten Sammlungsobjekte fehlen dauerhaft.

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Von außen ebenso sehenswert wie innen: das große Tropenhaus

Auch die Sparpolitik des Senats hat fast zum Ende des Botanischen Gartens geführt - nach Mittelkürzungen drohte die Freie Universität als Trägerin im Frühjahr 2003 mit der Schließung. Nach einer Unterschriften-Aktion mit großer Resonanz blieb der Botanische Garten zwar erhalten, musste jedoch mit geringerem Budget auskommen. Dass es seitdem 20 Gärtner weniger gibt, fällt glücklicherweise dem Laien nicht auf.

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Der Titanwurz: sieht imposant aus und riecht auch so ...

Die Gewächshäuser, die man bei schlechtem Wetter bevorzugt ansteuert, sind schon von außen ein Genuss. Am auffälligsten und bekanntesten ist das rund 60 mal 30 Meter Große Tropenhaus, auch 100 Jahre nach seinem Bau noch eine der größten Stahl-Glas-Konstruktionen der Welt. Das Besondere an dem 1907 eröffneten Bau ist, dass die Stahlkonstruktion außen liegt und die gläserne Fassade innen eingehängt wurde. Auch andere bauliche Finessen sind hier zu finden - so wird die nötige Wärme durch die unter den dreieinhalb Meter tiefen Erdbecken liegende Heizung erzeugt und sie wird auch durch Heizrohre im Glasdach verteilt, die kaum auffallen. Und was in dem Gebäude alles gedeiht, ist ebenfalls ungewöhnlich - der Riesen-Bambus zum Beispiel, der am Tag bis zu 30 Zentimetern wachsen und die Decke in 25 Metern Höhe erreichen kann. Oder riesige Palmen und Farne, neben denen Luftwurzeln und Lianen von der Kuppel zu Boeden hängen. Und wenn man zum richtigen Zeitpunkt kommt, blüht gerade der Titanwurz, die größte, bis zu drei Meter hohe Blume der Welt, die leider nach Aas stinkt. Interessant sind auch die mehrfach alten Palmfarne. Sie sind erdgeschichtlich betagt, ihre Vorfahren gab es bereits im Pennsylvanium, also vor rund 300 Millionen Jahren; die ältesten Exemplare im Botanischen Garten sind aber auch schon über 150 Jahre alt.
Durchkreuzt man das Gewächshaus mit seiner Grotte und dem Wasserfall, kann man auch Täuschblumen entdecken. So wachsen die braunroten Blüten der Baumförmigen Pfeifenblume (Aristolochia arborea) vor allem direkt über dem Erdboden und im Blütenschlund scheint ein kleiner Pilz zu stehen. Der ist in Wirklichkeit eine Attrappe und soll Insekten anlocken, vermutlich Pilzmücken. Jede Pflanze will schließlich bestäubt werden.
Bepflanzt wurde das Große Tropenhaus übrigens nach geographischen Gesichtspunkten: Rechts findet man Pflanzen der Tropengebiete Afrikas, Asiens und Australiens, links wächst die Pflanzenwelt der amerikanischen Tropen. Und startet man hier seinen Rundgang, so ist ein Ausflug in die Namib-Wüste zu den Welwitschien (werden mehrere hundert Jahre alt, haben aber nur ein einziges Blattpaar) ebenso möglich wie ein Besuch des Sumpfpflanzenhauses, ein Abstecher nach Australien, nach Mexiko zu den Kakteen, zum Kaugummibaum im Nutzpflanzenhaus oder zu den Orchideen. Ein Gewächshaus fällt übrigens schon wegen seiner Gestaltung auf - das sogenannte Mittelmeerhaus, das mit seiner dreischiffigen Anlage und zwei Portaltürmen an eine Kirche erinnert. Es entstand noch vor dem Großen Tropenhaus und zeigt Pflanzen aus dem Mittelmeergebiet und von den Kanarischen Inseln. Heute kann man es mieten und oft werden hier Hochzeiten gefeiert.
Hat man die Gewächshäuser durchwandert, sind noch die weitläufigen Gärten zu erkunden - am besten bei einem zweiten Besuch bei schönem Wetter. Auf einem Drittel des Geländes wurden die Pflanzen der nördlichen Hemisphäre geographisch gegliedert gepflanzt, hier gibt es Wald-, Heide- und Steppengebiete sowie Steingärten, durch die man in kurzer Zeit von Europa, Asien und Nordamerika durchwandern und dabei die Alpen und den Himalaja übersteigen kann. In der pflanzengeographischen Abteilung werden die wichtigsten Pflanzenformationen Europas vorgestellt, also die Vegetation in Gebirgen und Mooren, in der Heide oder auf Wiesen oder Dünen. Im Ostasien-Revier kann man die Pflanzenwelt Sibiriens, Chinas oder Japans kennenlernen und die Nordamerika-Abteilung stellt die Wälder auf der atlantischen und der pazifischen Seite des Kontinents vor.
Im noch etewas größeren Arboretum werden die einheimischen Pflanzen gezeigt und erklärt und man kann auch gleich eine Reise durch die Erdgeschichte unternehmen - es sind Gewächse der unterschiedlichsten Erdzeitalter vertreten. Und auf fortgeschrittene Pflanzenfreunde wartet dann noch das Botanische Museum. Dies muss dann wirklich nicht im Anschluss geschehen - eine Eintrittskarte für den Botanischen Garten gilt ein Jahr lang als Gutschein für das Museum.

Informationen über Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin-Dahlem
Anschrift und Karte

 

veröffentlicht 25. 01 2016 16:13
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