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Ein märchenhafter Friedhof ...

… ist der Alte St.-Matthäus Kirchhof in der Schöneberger Großgörschenstraße, und das nicht nur, weil die Gebrüder Grimm hier bestattet sind. Alte denkmalgeschützte Grabdenkmäler und Mausoleen stehen neben Gräbern von (ungeborenen) Kindern, und gedacht wird einst hier beerdigten Widerstandskämpfern ebenso wie Menschen, die an HIV oder AIDS gestorben sind.

Dreht man eine Runde auf dem Kirchhof, den die meisten Berliner wahrscheinlich schon von der S-Bahn am hinteren Ende des Bahnhofs Yorckstraße gesehen haben, sind einem bestimmt einige Namen bekannt - Rudolf Virchow, Milchhändler Carl Bolle oder der Historiker Heinrich v. Treitschke sind hier zum Beispiel beerdigt. 43 Ehrengräber finden sich auf dem Kirchhof, und es gibt noch viel mehr Grabstellen von Menschen, die einst auf unterschiedlichste Weise Bedeutung hatten und oft bekannt waren. Jedenfalls wird der Alte St.-Matthäus Kirchhof zu den historisch bedeutsamsten Friedhofsanlagen Berlins gezählt.

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Die Gräber der Gebrüder Grimm zwischen "Das ewig Weibliche zieht uns hinan" (Inschrift auf der Schale links) und der Gedenkstätte "Denk mal positHIV", der weißen Grabstelle rechts dahinter. 

Begegnen einem kleine, oft bunt geschmückte oder mit Spielzeug versehene Grabstellen, so steht man vor dem „Garten der Sternenkinder“ - eine Ruhe- und Gedenkstätte für Fehl- und Totgeburten und Babys, die während oder kurz nach der Geburt gestorben sind. Sie wurde 2008 vom Verein EFEU eingerichtet, der sich ein Jahr zuvor bildete und sich seitdem für den Erhalt und die Pflege des Friedhofs einsetzt. Efeu steht übrigens für erhalten, fördern, entwickeln und unterstützen.

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Der "Garten der Sternenkinder" leuchtet auch in der Morgensonne ...

Begraben sind auf dem Kirchhof auch viele Menschen, die an den Folgen von HIV und AIDS gestorben sind. Der im Jahr 2000 gegründete Verein „Denk mal positHIV“ hat ihnen hier eine Gedenkstätte geschaffen, an der seitdem viele Menschen bestattet wurden und deren Namen auf gemeinsamen Marmortafeln eingraviert werden. „Indem wir an die Toten unsere Grabstelle durch die Nennung ihrer Namen erinnern, soll gleichzeitig aller an den Folgen von HIV und Aids Verstorbenen gedacht werden“, erklärt der Verein.

An eine ganz andere Gruppe von Menschen erinnert ein nicht weit entfernter Gedenkstein – er wurde zu Ehren der Widerstandskämpfer errichtet, die am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler verübten. Claus Graf Schenk von Stauffenberg und mehrere seiner Mitstreiter hatte man damals im Bendlerblock erschossen und auf dem Matthäus-Kirchhof begraben. Die SS buddelte die Leichen aber wieder aus, ließ sie im Krematorium Wedding verbrennen und die Asche auf Rieselfeldern verstreuen – ein erinnerungswürdiger Vorgang.

Die Nazis hatten übrigens noch auf weitere Weise Anteil an der Entwicklung des Kirchhofs, der bereits Mitte des 19. Jahrhunderts neben dem damaligen Dorf Alt-Schöneberg entstand. Das Grundstück lag am Hang und neben zwei Bahnlinien, deshalb wurde es damals nicht bebaut, und als 1855 ein Totengräberhaus gebaut wurde, konnte man den Friedhof noch vom Tiergarten-Viertel aus sehen. Nach mehreren Vergrößerungen und dem Bau der Friedhofskapelle 1906-09 wurde 1938/39 allerdings das nördliche Drittel des Friedhofs aufgehoben, da hier wegen der Speerschen Stadtplanung die 120 Meter breite Nord-Süd-Prachtstraße entlangführen sollte. Die für 1941 geplante Aufhebung des Friedhofs kam wegen des Krieges nicht zustande. Wer mehr über die Geschichte des Alte St.-Matthäus Kirchhofs erfahren möchte, kann dies zum Beispiel hier, zu finden ist er in der Großgörschenstraße.   my

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Begraben und wieder exhumiert - ein Grund mehr, den Widerstand gegen das Nazi-Regime zu schätzen.



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Die Bemalung auf dem Gebäude an der Großgörschenstraße erinnert daran, dass wegen der Nazi-Pläne, aus Berlin die "Welthauptstadt Germania" zu machen, ein Drittel des Friedhofs aufgehoben wurde. Der Pavillon der Familie Langenscheidt steht seitdem auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf.  

veröffentlicht 15. 01 2016 14:29
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