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Ein Alchimist auf der Pfaueninsel

Geld hat schon immer überall gefehlt, weshalb es auch immer Versuche gab, es auf unterschiedlichste Weise zu beschaffen. Schaut man geschichtlich ein wenig zurück, so trifft man schnell auf den hervorragenden und oft von Herrschenden geförderten Gedanken, einfach künstlich Gold herzustellen – was Alchimisten bis ins 18. Jahrhundert immer wieder versuchten.

Mit dem Edelmetall klappte es zwar nicht, aber dafür wurden viele andere Dinge entdeckt und entwickelt, zum Beispiel in der Metallurgie und in der Färberei, in der Porzellan- und in der Glasproduktion. Alchimisten klärten, wie man Schwefelsäure gewinnt oder Ammoniak und was man damit alles anstellen kann. Justus Liebig, dessen Namen man zumindest im Chemieunterricht schon mal gehört hat, beschrieb ihre Rolle 1865 so: „Unter den Alchimisten befand sich stets ein Kern echter Naturforscher, die sich in ihren theoretischen Ansichten häufig selbst täuschten, während die fahrenden Goldköche sich und andere betrogen“. Und er nannte drei positive Beispiele: Johann Rudolf Glauber (1604-1668), der sich um die Entwicklung von Schmelzöfen verdient machte, Johann Friedrich Böttger (1682-1719), der in Sachsen die Porzellanherstellung ermöglichte und Johann Kunckel, den Glastechnologen. Ihre Leistungen können „den größten Entdeckungen unseres Jahrhunderts gleichgestellt werden“, war Liebig überzeugt.

Für Berlin spielte vor allem Johann Kunckel eine Rolle. Der Sohn eines Alchimisten und Hüttenmeisters diente seit 1659 als Alchimist und Apotheker am Hof des Herzogs von Sachsen-Lauenburg und machte auf Reisen nach Venedig, der damaligen Hochburg der europäischen Glasmacherkunst, Erfahrungen in der Technologie der Glasmacherei. Um 1670 übernahm er die Leitung des Kurfürstlichen Laboratoriums in Dresden. Seine Versuche der Goldherstellung hatten aber nur eine lustige Folge: Als er 1677 sein Jahresgehalt von 1 000 Talern anmahnte, meinte der Kurfürst: „Kann Kunckel Gold machen, so bedarf er keines Geldes, kann er solches nicht, warum sollte man ihm Geld geben?“

Kunckel_Johann_h350.jpgKunckel aber arbeitete weiter – wahrscheinlich aus finanziellen Gründen für den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. 1678 begann er in der Drewitzer Glashütte, der einzigen, die in Preußen nicht nur normales Glas, sondern auch Kristallglas herstellen konnte. Die nötigen Stoffe gab es hier - Holz oder Holzkohle zum Beheizen der Schmelzöfen ebenso wie Sand, Quarz, Kiesel oder Glasscherben. Soda erhielt man durch Verbrennen von Pflanzenteilen und auch die für die Farbgebung des Glases notwendigen Stoffe wie Braunstein, Kupfer- und Eisenoxide oder Kobaltoxide konnte man beschaffen. Hinzu kamen versierte böhmische Glashüttenmeister, und so konnte Kunckel das damals bekannte Verfahren der Rubinglasproduktion technologisch problemlos umzusetzen – im nach dem 30-jährigen Krieg immer noch armen Brandenburg ein Luxusartikel, den man auch exportieren konnte. 1679 veröffentlichte Kunckel das Buch „Ars vitraria experimentalis oder die vollkommene Glasmacherkunst“, das das erste seiner Art im deutschen Sprachraum war und bis in die Neuzeit als Standardwerk galt. 

Der König verlieh ihm ob der Erfolge nicht nur den Titel Geheimer Kammerdiener und das damit verbundene Salär, er schenkte ihm 1685 auch die Pfaueninsel – hier sollte er eine Rubinglashütte aufbauen und ein geheimes Labor, in dem er „ungestört und unbeobachtet“ experimentieren könne, wie schon in der Schenkungsurkunde steht.

Nun sollte er auf der Insel forschen, weil die Arbeit hier ziemlich geheim ablaufen konnte. Auf jeden Fall war das Betreten und das Verlassen der Pfaueninsel für die Gehilfen verboten, und um sie zu versorgen, wurden auf der Insel eine Windmühle, eine Bäckerei, eine Brauerei und eine Branntweinbrennerei gebaut. Nur der Kurfürst kam oft zu Besuch, er experimentierte nämlich auch gern.

Kunckel versuchte allerhand, um farbiges Glas herzustellen. Er experimentierte mit Metalloxiden und schuf buntes Zier- und Gebrauchsglas, darunter auch Glasperlen. Die gingen zum Beispiel an die Brandenburg- Guineasche Compagnie, die sie von ihren afrikanischen Niederlassungen aus im Handel als Zahlungsmittel nutzen konnte.

Kunckel schaffte es zudem. eine klare, leicht zu bearbeitende Glasmasse von hoher Qualität herzustellen, die den böhmischen Erzeugnissen nicht nachstand - die märkische Glasproduktion konnte damit Weltruf erlangen und immer mehr exportieren.

Als der Große Kurfürst im Mai 1688 starb, verlor Kunckel jedoch seinen Förderer, und ein Jahr später brannten Glashütte und Laboratorium ab. Er musste sein Berliner Stadthaus verkaufen, Schulden begleichen und verließ 1692 Brandenburg als armer Mann in Richtung Stockholm. Dort wurde er dank seiner chemo-technologischen Erfahrungen schnell anerkannt, zum Königlichen Bergrat ernannt und in den Adelsstand erhoben. 1703 starb er als Kunckel von Lövenstjern. Bis heute erinnert nur ein schlichter Naturstein mit seinem Namen an sein Wirken auf der Pfaueninsel – doch jetzt ist er wieder zu entdecken:

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) eröffnet in der Meierei auf der Pfaueninsel ein Ausstellungskabinett über Johann Kunckel, in dem die Besucher über sein Leben und seine Forschungen informiert werden. Sein Labor und die Glashütte wurden zwar 1688 durch Brandstiftung vernichtet, Ausgrabungen förderten vor gut 40 Jahren jedoch Überbleibsel der Hütte und viele Spuren der Experimente und des Lebens auf der Insel zu Tage. 400 bis 500 Zeugnisse wird die SPSG jetzt in der Meierei ausstellen, und schon kleine Scherben können die Verdienste Kunckels in der Goldrubinglasherstellung verdeutlichen. Es sind Leihgaben des Museums für Vor- und Frühgeschichte und einige eigene Objekte.

veröffentlicht 02. 06 2016 15:05
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