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Und es gab doch frühere Nazis in der SBZ und der DDR

Nazis gab es nur in Westdeutschland, die DDR war antifaschistisch, hier hatten sie keine Chance – so lautete die Darstellung immer in östlichen Gefilden und im Westen wurde sie weitgehend akzeptiert. Wenn man dann hört, dass zum Beispiel im Jahr 1953 mehr als ein Drittel der Mitarbeiter des Zentralkomitees und der Bezirks- und Kreisleitungen der SED zuvor Mitglieder der früheren NSDAP oder ihrer Massenorganisationen waren, steht das ein wenig im Widerspruch zu den bisher geglaubten Verhältnissen. Aus diesem Grund gibt es ein neues Forschungsprojekt zur DDR-Geschichte: Der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität untersucht die Rolle ehemaliger Nationalsozialisten in Wissenschaft und Bildung der DDR.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat den Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin beauftragt, das Wirken ehemaliger Nationalsozialisten in Wissenschaft und Bildung der DDR zu erforschen, teilte die FU heute mit. Untersucht werden soll  vor allem das Ministerium für Volksbildung und das Ministerium für Hoch- und Fachhochschulwesen sowie ihre Vorläuferinstitutionen. Das BMBF unterstützt die wahrscheinlich dreijährige Studie Jahre mit 750.000 Euro.

Entgegen seiner Propaganda verfügte der SED-Staat nicht über ein neues Volk und integrierte ehemalige Nazis schon bald nach dem Krieg in Politik und Gesellschaft – es gab berufliche und politische Aufstiegschancen für alle. nach derzeitigem Kenntnisstand waren von knapp 6.000 SED-Funktionären in der Ministerialbürokratie Anfang der 1950er Jahre zum Beispiel rund 1.000 frühere Nationalsozialisten. Den ZKs der SED gehörten insgesamt 27 ehemalige NSDAP-Mitglieder an. Acht DDR-Minister und neun stellvertretende Minister waren vor 1945 Parteigenossen der NSDAP, darunter zwei stellvertretende Ministerratsvorsitzende. Und anders als im Westen wurde das Problem unter den Teppich gekehrt.  "Die Nationalsozialisten wurden in der DDR ebenso wie jugendliche Neonazis hartnäckig ‚beschwiegen‘“, konstatiert Prof. Dr. Klaus Schroeder, der Leiter des Projekts.

Unter den wenigen bisherigen Forschungsergebnisse betonte der Professor vor allem die Tatsache, dass ehemalige Nationalsozialisten vor allem im Wissenschaftsbetrieb ihre Karriere fortsetzen konnten. Nun will man aber nicht nur der Frage nachgehen, wie viele Menschen unter neuen Prämissen weiterarbeiteten und wie sie sich politisch-ideologisch anpassten, man möchte auch rekonstruieren, wie staatliche Institutionen und die SED in Bildungs- und Wissenschaftsinstitutionen mit den Personen umging. Und man sucht eine Antwort auf die Frage, warum man nicht auf sie verzichten konnte.

veröffentlicht 04. 10 2017 14:14
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