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Wo der Kalk rieseln durfte

Autor: my

In unseren Körpern wird Kalk nicht gern gesehen, umgeben sind wir von dem Stoff aber ständig. Kalk ist der Grundstoff  für Mörtel, Zement und Beton und damit in unserer Umgebung überall präsent. Außerdem wird Kalkstein (Calciumcarbonat) in der Stahlindustrie verwendet, kommt als Dünger auf die Felder und steckt in Industrieprodukten wie Papier, in Farben und Lacken oder in Kunststoffen, Mehr als fünf Milliarden Tonnen Kalkgestein werden auf der Welt im Jahr abgebaut.

In der Berliner Umgebung taucht Kalkstein nur an einer Stelle an der Erdoberfläche auf: In Rüdersdorf, wenige Kilometer östlich der Stadtgrenze. Seit dem 13. Jahrhundert wird hier Kalkstein abgebaut und seit zweieinhalb Jahrhunderten wird er auch gebrannt. Seitdem kommt der neben den Ziegeln wichtigste Baustoff für die Stadt Berlin vom Ostrand der Stadt, und das würdigt man dort mit einem großen Freilicht-Museum, in dem Industrie-Geschichte lebendig wird: dem Museumspark Rüdersdorf.

Das Industriemuseum ist tatsächlich ein Park, für den man ein wenig Zeit mitbringen sollte. Am Rande eines großen Tagebau-Gebietes kann man eine Vielzahl denkmalgeschützter Industriebauten entdecken, merkwürdigen Portalen begegnen, die für längst verschwundene Kanäle errichtet wurden (auf denen Kalkstein transportiert wurde) und auf Baumeister wie Karl Friedrich Schinkel treffen. Und nebenan stehen so gewaltige verlassene Industrie-Ruinen, dass zum Beispiel Jean-Jacques Annaud hier vor einigen Jahren seinen Stalingrad-Film „Duell – Enemy at the Gates“ drehte.

Am Eingang des Museumsparks informiert ein kleines geologisches Museum über Kalksteinvorkommen und -nutzung, über die Geologie, Mineralogie und Fossilienkunde von Rüdersdorf und über die Geschichte des Kalksteinabbaus in der Gemeinde. Beginnt man den Rundgang, begegnen einem als Erstes sogenannte Kammer- und Rumfordöfen, die bis 1874 zur Branntkalkherstellung genutzt wurden und in denen die Arbeiter damals in der Saison sogar wohnten.

An mehreren Stellen im Park gibt es alte, teilweise als Tunnel angelegte Kanalbauten, die mit den umliegenden Gewässern verbunden waren und auf denen die Steine  vom Tagebau zu den Öfen transportiert wurden. Dies endete allerdings im Jahre 1905, da der Stein immer tiefer unter dem Niveau der Oberflächengewässer abgebaut wurde. Ein Tunnel konnte noch bis in die 1960er Jahre mit Schiffen befahren werden.

Besonders eindruckvoll sind aber die Schachtofenanlagen, die man 1871 zu errichten begann und die für die Branntkalkherstellung genutzt wurden. Eine Ofenhalle, auch als „Kathedrale des Kalks“ bezeichnet wird, wird nicht nur gern als Filmkulisse genutzt, sie wirkt auch so antik, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sie bis 1967 genutzt wurde. 18 Rumfordsche Brennöfen reihten sich hier in zwei Reihen aneinander und wurden im unteren Bereich mit einem großen Fabrikgebäude verbunden, auf dessen Dach die Steine auf Schienen angefahren wurden. Und das Beste: Man kann das Bauwerk an den meisten Stellen begehen und Blicke in eine unglaubliche Arbeitswelt  noch gar nicht so lange vergangener Zeiten werfen. Wer die Anlage noch nicht kennt, sollte dies ändern – selbst im Winter lohnt sich ein Ausflug.

Geöffnet ist der Museumspark Rüdersdorf täglich von 10.30 bis 16 Uhr, von April bis Oktober von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 5/3 Euro, Führungen und Land Rover-Touren durch den Tagebau werden angeboten. Nähere Infos unter  Tel. 033638 – 799797 und www.museumspark.de

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Ein Teil der „Schachtofenbatterie“, in der sich ein Brennofen an den anderen reiht.

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Der Verbindungsgang zwischen den 18 Rumfordöfen wirkt so gewaltig, dass er „Kalk-Kathedrale“ genannt wird.


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Wurden oben die Steine in die Öfen befördert, sorgte man eine Etage tiefer für die nötige Hitze: die Brenn-Etage.

 

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Um die Steine aus dem Tagebau zu den Brennöfen zu transportieren, wurde 1872 dieser „Seilscheibenpfeiler“ errichtet, der mit einer 130 PS starken Dampfmaschine Eisenbahnwägen aus dem Steinbruch emporziehen konnte. Der Betrieb endete 1914.

 

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Diese alten Fabrikanlagen wurden schon oft für Filmaufnahmen genutzt, zum Beispiel entstanden 2001 hier die Aufnahmen einer Verfilmung der Schlacht um Stalingrad.



 





veröffentlicht 30. 11 2015 12:00
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