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Erstaunlicher Umgang mit der eigenen Geschichte

Ein Aktenschrank hieß schon bei den Römern "Archivum", und noch heute sind Archive dazu da, wichtige oder interessante Dinge aufzubewahren, sie nutzbar zu machen und sie zu erhalten - und das für möglichst lange Zeit. Davon abgewichen wird in der Regel nur, wenn man die gesammelten Dinge nicht mehr benötigt, wenn also das Thema gewissermaßen erledigt ist. 

Nun kann allerdings niemand ernsthaft behaupten, das wir aus der Geschichte der DDR-Opposition, die zur Friedlichen Revolution und zum Mauerfall 1989 führte, heute und in Zukunft nichts mehr lernen könnten. Ganz im Gegenteil haben wir gerade erst begonnen, national und international die weltweit einzigartigen Vorgänge vor und hinter dem eisernen Vorhang zu verstehen. Umso verwunderlicher mutet es an, wenn sich dieses bundesrepublikanische Erbe für Ost und West jedes Jahr aufs Neue mit viel Zeit und Energie um die Finanzierung des eigenen Fortbestands kümmern muss.

Die Robert-Havemann-Gesellschaft (RHG) betreibt das größte und wichtigste Archiv der DDR-Opposition und sammelt Dokumente zu Opposition und Widerstand gegen die SED-Diktatur. 500 laufende Regalmeter Schriftgut sind bisher verfügbar, hinzu kommen Veröffentlichungen der Bürger- und der unabhängigen Frauenbewegung der DDR, viele Nachlässe bekannter Persönlichkeiten, Plakate und Transparente, 80.000 Fotos, tausende Video- und Audiokassetten, eine große Pressedokumentation sowie eine Präsenzbibliothek mit etwa 9.000 Buch- sowie 160 Zeitschriften- und Zeitungstiteln. Und all das ist frei zugänglich und alle Interessierten können unmittelbare Einblicke in die vielleicht lebendigste Sammlung zum Alltag der DDR-Opposition nehmen. 

Umfangreiche Aktenbestände der robert Havemann Gesellschaft

Finanziert wird der Verein allerdings nicht als feste Organisation, sondern nur über Fördermittel, die jedes Jahr neu beantragt werden müssen. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur unterstützte die RHG bisher durchschnittlich mit Summen um die 200.000 € im Jahr - das soll ab 2016 nun anders werden, denn für dieses Jahr wurde der Beitrag auf 100.000 € kurzerhand halbiert. Zweitens trug der Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen mit ebenfalls rund 200.000 € im Jahr zur Finanzierung der RHG bei, aber auch hier liegt bisher noch kein Förderbescheid vor. Dass dies Auswirkungen auf die alltägliche Arbeit des Archivs hat, ist klar - und dass aus dem dringend notwendigen, geplanten Umzug auf das ehemalige Gelände der Staatssicherheit in der Normannenstraße in absehbarer Zeit etwas wird, ist momentan eher unwahrscheinlich.

Dass die RHG nun schon seit 25 Jahren regelmäßig neue Projektanträge einreichen muss, belegt eigentlich, dass in unserem Verhältnis zur jüngeren Geschichte und dem Verständnis zum Terminus "Lernen aus der Vergangenheit" etwas nicht stimmt.  Dabei bestreitet niemand, dass das Archiv ein unverzichtbares Element im Bereich der politischen Bildung in diesem Land darstellt.
Auch die demokratischen Parteien haben die Bedeutung des Archivs immer hoch betont. Und wenn sich Regierungsmitglieder von Bund und Land bisher zu dem Thema geäußert haben, dann immer in dem Sinne, dass die wertvolle Arbeit des Archivs langfristig zu sichern sei.

Dabei gäbe es eine einfache Lösung für das unrühmliche Problem, die zum Jahreswechsel erneut vom Bundesbeauftragten der Stasi-Unterlagenbehörde gefordert wurde: "Die Robert-Havemann-Gesellschaft muss als Institution gefördert werden", erklärte Roland Jahn im Kulturradio des RBB. Nur so könne man das Archiv der DDR-Opposition dauerhaft fördern. Im Senat hat man jedoch bisher darauf hingewiesen, dass die Finanzierung a) über Fördermittel ausreichend oder b) wegen der nationalen Bedeutung des Archivs eine Angelegenheit des Bundes sei. Und von Bundesseite war man bisher zum Beispiel der Meinung, Berlin müsse sich an Umzugskosten beteiligen oder die Sanierung von zur Verfügung gestellten Gebäuden sei zu teuer. Dieser unsägliche Ball kann offensichtlich noch lange hin- und hergespielt werden. Ein verantwortungsvoller Umgang mit der eigenen Geschichte sieht jedenfalls anders aus. 

Wie wäre es, wenn wir statt Waffen in Krisenregionen zu exportieren, einfach unser Know-how im Umgang mit friedlichen Revolutionen zum Exportschlager machen? Eine Alternative auf Basis des soliden Gedächtnisses der RHG wäre es allemal.


veröffentlicht 11. 01 2016 17:11
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