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16.09.2017 - 03.12.2017

Willi Ruge, ein früher Action-Fotograf

Autorennen auf der AVUS, Landung im Hochgebirge, Spartakus-Aufstand, Unruhen in Oberschlesien, Selbstporträt im freien Fall. Sei es als Kriegsberichterstatter oder Bordschütze, als Werbefilmer oder Unternehmer - Willi Ruge ist Teil gesellschaftlicher Umbrüche und von den technischen Möglichkeiten der Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts fasziniert. Er ist kein stiller Beobachter am Rand, sondern mitten im Geschehen. Oft sogar so sehr im Zentrum, dass er selbst als Akteur ins Bild tritt. Mit dieser Haltung entwickelt Ruge nicht nur die Rolle und das Selbstverständnis des Bildjournalisten neu - die sachlich-objektive Darstellung ersetzt er durch subjektive, scheinbar rein zufällig festgehaltene Erfahrungen. Seine visuellen Experimente und Reportagen stillen die Sehnsucht des Publikums nach Unterhaltung und Katastrophen und bieten durch seine persönliche Perspektive eine große Identifikationsfläche für den Betrachter.
willi_ruge_lr.jpgEine typische Aufnahme von WIlli Ruge, die er 1923 veröffentlichte, Titel: "Die Fertigstellung des Zentralflughafen von Deutschland auf dem Tempelhofer Felde geht seiner Vollendung entgegen". Es war noch nicht der Flughafen,. den wir heute kennen, man hatte am Nordrand des Tempelhofer Feldes nur ein Stück Land planiert, ein Stationsgebäude und zwei hölzerne Flugzeughallen errichtet, von denen man eine im Hintergrund sieht. Im Bild herrschte aber Leben ... Foto © Erbengemeinschaft RUGE, Courtesy: Stiftung Deutsches Technikmuseum

Mit seiner Begeisterung für Sport, Luft- und Rennfahrt entspricht Willi Ruge dem idealen Protagonisten der Ära optischer Sensationen und Geschwindigkeit. Er sucht das Abenteuer, reist nach Europa, Afrika und Südamerika und begibt sich auch in Kriegsgebiete. In seinen bekanntesten Fotostrecken zeigt er sich selbst in spektakulären Aktionen, wobei extreme Aufsichten, schwindelerregende Untersichten, Schrägsichten, gekippter Horizont, enorme Nahaufnahmen und außergewöhnliche Perspektiven auf das Geschehen die Errungenschaften des Neuen Sehens erkennen lassen. Bei Willi Ruge liegen Politik, Technikfaszination, Experimentierfreude, Bildironie und -erzählung heterogen nebeneinander.

willi_ruge_1939_fotograf_unbekannt_courtesy_privatsammlung_lr.jpgWilli Ruge 1939: Er fotografierte nicht nur, er flog auch mit. Foto: Privatsammlung

Berlin in den 1920er- und 1930er-Jahren ist nicht nur eine pulsierende Weltstadt mit unzähligen Kinos, Theatern, Ballhäusern, Nachtclubs und schillernder Leuchtreklame. Die Kunst- und Kulturmetropole ist auch das Zentrum einer neu entstehenden Presselandschaft und der Fotografie. Willi Ruge produziert und liefert mit seiner Agentur Fotoaktuell dem expandierenden Zeitungsmarkt in Deutschland reichlich Bildmaterial zu den zeitaktuellen sozialen, politischen und wissenschaftlichen Themen. Willi Ruge gehört jedoch nicht zu den Vertretern seines Fachs, die erst mit der Konjunktur der Illustrierten in den 1930er-Jahren den Beruf des Fotoreporters wählen - er ist bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg ein erfahrener und gefragter Presse- und Fliegerfotograf.

Als Gegenpol zu seinen außergewöhnlichen Erlebnissen sucht er auch die Konzentration eines Fotostudios. Hier entstehen visuelle Experimente und Inszenierungen sowie "Phantastiken der kleinen Dinge" - ruhige Bildstudien im Stil der europäischen Avantgarde. Zeitgleich karikiert er mit feiner Ironie die Arbeit des traditionellen Fotostudios. Willi Ruge nutzt dabei nicht nur die neuen technischen Möglichkeiten der Fotografie, sondern auch Funktionsweise, Wirkung und Autorenschaft - bis hin zur bewussten Kultivierung seines eigenen Images.
willi_ruge_brandenburger_tor_194546_c_erbengemeinschaf_ruge_courtesy_privatsammlung_lr.jpgManchmal brauchte er für Handlung auf den Bildern nicht mehr zu sorgen - hier das Brandenburger Tor 1945/46. Foto: © Erbengemeinschaft RUGE, Courtesy: Privatsammlung

Für C/O Berlin hat die Kuratorin und Fotohistorikerin Ute Eskildsen die Ausstellung Willi Ruge . Fotoaktuell recherchiert und gemeinsam mit Felix Hoffmann die weltweit erste Retrospektive kuratiert. Präsentiert werden etwa 140 zum Teil noch nie ausgestellte Vintage-Fotografien aus dem Gesamtwerk von Willi Ruge. Die Aufnahmen mussten aufwendig in verschiedenen Agentur- und Verlagsarchiven erarbeitet werden, da Willi Ruges gesamtes Bildarchiv in Berlin-Schöneberg 1943 bei einem Bombenangriff vernichtet wurde. Mit dieser Ausstellung setzt C/O Berlin seine Serie zeithistorischer Fotografien fort, in der schon die Lebenswerke von Roger Melis, Fritz Eschen, Will McBride und Rudi Meisel gezeigt wurden. (Text: c|o Berlin)

Begleitveranstaltung:
19. Oktober 2017, 20 Uhr
Deutsche Fotojournalisten und ihre Zweitkarrieren nach dem Nationalsozialismus
C/O Berlin
 
Eintritt:  10/6 Euro 


Zur Umkreissuche   Anschrift
C/O Berlin Foundation . Amerika Haus Berlin
Hardenbergstrasse 22 - 24
10623 Berlin - Charlottenburg-Wilmersdorf
 
URL:  http://www.co-berlin.org/
 
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