Home

09.12.2016 - 23.04.2017

Geschichte hinter den Tapeten

Was eine Familie bei ihrer Flucht aus der DDR zurückließ

Man kann auch in ganz normalen Wohnungen Dinge gut verstecken: Als im Herbst 2013 das Haus in der Tschaikowskistraße 46 in Niederschönhausen renoviert wurde, fand man ein Versteck in der Wand, in dem sechs Jahrzehnte lang alle möglichen Geräte und Materialien lagerten, die ein Kopierladen damals brauchte. Und man fand hinter Putz und Blumentapeten einen Abschiedsbrief von dem Mann, der die Sachen versteckt hatte - er hatte 1955 mit seiner Familie die DDR verlassen.Pankow_schoeningbrief1955.jpg
Sein Name war Werner Schoening und er betrieb die "Fotokopier- und Lichtpausanstalt Ed. Schoening" in der Tschaikowskistraße. In dem Schreiben bat er darum, dass die versteckten Dinge sorgsam aufgehoben werden, weil er seine Wohnung verlassen müsse. Das Finanzamt Pankow habe ihm den Weiterbetrieb seines Geschäfts unmöglich gemacht und ihm damit seine Lebensgrundlage entzogen - ein typisches Beispiel für die damals häufigen Verstaatlichungen. Irgendwann hoffte Werner Schoening aber wieder zurückkehren zu können und sein Geschäft weiterzubetreiben, wofür er die Gegenstände dann wieder benötigen würde. Mit Frau und dem zehnjährigen Sohn Uwe führte die Flucht dann aber über Westberlin in die Bundesrepublik und eine Rückkehr kam nicht mehr in Frage. Die Ausstellung macht an der Familiengeschichte also die Verdrängungspolitik der DDR gegenüber Selbständigen und Firmeninhabern deutlich - eine der Hauptursachen für die Massenflucht aus der DDR.

Pankow_schoeningbahnhofsolingen1955.jpg
Solche Bilder finden sich in vielen Fotoalben von Familien, die die DDR verließen: Ankunft der Schoenings 1955 in Solingen.

Möglich wurde die Ausstellung, da die Pankower Künstlerin und Hauseigentümerin Ursula Strozynski sich nach dem Fund an das Museum Pankow wandte. Ausgestellt sind die gefundenen Geräteteile und Materialien sowie Texte, Fotografien und Dokumente, die die zunächst erfolgreiche Entwicklung des kleinen Unternehmens in der Nachkriegszeit belegen. In einem Video-Interview erzählt der Sohn Uwe Schoening auch von seiner Kindheit in Niederschönhausen. Dazu zählt auch die Erinnerung an den früheren Wohn- und Firmensitz seiner Eltern und Großeltern in der Kronprinzenstraße 27, dem heutigen Majakowskiring 66. Die Familie hatte die Räume im August 1945 "besatzungsbedingt" räumen müssen.

"Mitte der 1950er Jahre bestand die Bewohnerschaft der Tschaikowskistraße keineswegs nur aus Funktions trägern des SED-Staates und aus Personal für das Regierungsviertel der DDR", schreibt das Museum Pankow. "Dort wohnten vor allem Familien des Pankower Mittelstandes. Wie Werner Schoening fühlten sich in dieser Zeit viele Handwerker und Gewerbetreibende durch unrechtmäßige Steuerforderungen und Sabotagevorwürfe diskriminiert und flohen aus der DDR." Dass sie dabei viel Hab und Gut verloren, wird in der Ausstellung auch deutlich ...
Pankow_fundstuecke_schoening.jpg
Vor 60 Jahren wertvoll, konnte aber nie abgeholt werden: Die versteckten Materialien der Fotokopieranstalt.
Fotos: Museum Pankow



 
URL:  http://www.berlin.de/museum-pankow/wir-ueber-uns/historie-ausstellungen/2016/artikel.532259.php

Eintritt kostenlos


Zur Umkreissuche   Anschrift
Museum Pankow
Prenzlauer Allee 227-228
10405 Berlin - Pankow
 
Telefon:  (030) 90295-3917
Telefax:  (030) 90295-3918
Email:  museumsek@ba-pankow.berlin.de
URL:  http://www.berlin.de/museum-pankow/
 
 
Rock&Pop Tickets bei www.eventim.de