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10.02.2017 - 26.06.2017

Gern modern?

Wohnkonzepte für Berlin nach 1945

Berlin war nach dem Krieg nicht mehr wiederzuerkennen. Von mehr als anderthalb Millionen Wohnungen waren nur noch 370.000 intakt und etwa dieselbe Zahl nur leicht beschädigt, und das war auch für die von 4,5 auf 2,8 Millionen Menschen geschrumpfte Bevölkerung viel zu wenig. In seiner neuen Ausstellung "Berlin nach 1945: Wie werden wir wohnen?" zeigt das Werkbundarchiv, wie die Menschen, die ja ihre Wohnungen oft verloren hatten, sich einzurichten wußten und welche Ideen und Konzepte der Deutsche Werkbund damals dafür anbot.

MDD_Baukasten_250.jpgAus den eigenen Sammlungen wurden zum Teil unbekannte Objekte und Dokumente zusammengestellt, hinzu kamen zahlreiche Leihgaben, die alle die Werkbund-Initiativen zum Wohnen bis in die späten 1950er Jahre beleuchten. Gezeigt werden Architekturmodelle und Möbel, Plakate, Pläne und Zeichnungen, historische Fotos und Filme sowie Schulkisten und ein Baukasten aus der Berliner Wohnberatungsstelle.

Der Werkbund wollte nach dem verlorenen Krieg mit moderner Gestaltung auch einen ästhetischen und gesellschaftlichen Neuanfang anstoßen. Dass ganze Kieze verschwunden waren, wurde dabei als Chance gesehen, die in den 20er Jahren entstandenen Ideen zum Neuen Bauen und zur Neuen Wohnung umzusetzen. Es sei ein "günstiger Augenblick, einer wirklich kulturell hochstehenden Wohnform den Weg zu bereiten", meinte zum Beispiel die Designerin Lilly Reich, die für Bauhaus und Werkbund aktiv war.

Die vielen Ausgebombten und Geflüchteten brauchten Wohnraum, Mobiliar und alle möglichen Dinge des Alltags. Um den Bedarf möglichst schnell zu decken, spielten Normung, Typisierung und Standardisierung in Entwurf und Produktion eine große Rolle. So entwickelte eine "Arbeitsgruppe Innenausbau" des Werkbunds neue Möbeltypen, von denen Entwürfe der Bauhaus-Schüler Eduard Ludwig und Herbert Hirche erstmals in der Ausstellung gezeigt werden.

Im Sommer 1946 eröffnete in einem erhaltenen Teil des Stadtschlosses die Ausstellung "Berlin plant". Die dort gezeigten, von einem Kollektiv um Hans Scharoun entwickelten Ideen für ein neues, modernes Berlin waren ziemlich radikal; Attraktion waren fünf wie Puppenstuben eingerichtete Montagehaus-Modelle aus neuen Kunststoffen. Die Häuser sollten den Wohnvorstellungen der Alliierten ebenso wie der Deutschen entsprechen und damit einen Beitrag zum friedlichen Aufbau der Welt leisten, wie Hans Scharoun in seiner Eröffnungsrede erklärte. Für die jetzige Ausstellung baute man das Modellhaus Typ Deutschland im Originalmaßstab 1:5 nach.
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Diese Musterwohnung von Herbert Hirche wurde auf der Internationalen Bauausstellung 1957 gezeigt. Foto: Werkbundarchiv /Foto-Kessler


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Eine Wohnberatungsstelle des Deutschen Werkbundes auf einer Ausstellung zur Guten Form. Was Anfang der 1960er Jahre modern war, sieht heute eben ein halbes Jahrhundert alt aus - die klare Werbung erstaunt aber schon. Foto: Werkbundarchiv /Foto-Kessler

Anfang der 1950er Jahre, also mitten im Kalten Krieg, hatten sich die Vorstellungen vom Wohnen in Ost und West dann ein wenig auseinanderentwickelt - man braucht nur an Stalinallee und Hansaviertel zu denken. Die Ausstellung geht vor allem auf die Beratungsaktivitäten des Werkbunds in allen Fragen des Wohnens in dieser Zeit ein. So wurden zum Beispiel für die Interbau Musterwohnungen erstellt und eine Wohn- und Freizeitberatungsstelle, außerdem veröffentlichte der Werkbund Ratgeberbücher und entwickelte Lehrmittelkisten für Schulen. Wohnberatungsstellen gab es damals in verschiedenen Städten, die Leute konnten sich dort von geschultem Personal alle möglichen Dinge des Haushalts erklären lassen - welches Muster der Tapete modern und nützlich ist und woraus sie ihren Tee trinken sollten. Die Umerziehung erstreckte sich eben in alle Lebensbereiche.
 


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