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28.06.2017 - 03.09.2017

Stramm stehen in Lichterfelde

Kadetten, Schüler, Hitlers Leibstandarte, rote Armee, US-Army - Geschichten aus der Finckensteinallee 63

Wahrscheinlich liegt es daran, dass es sich um Kasernen handelte, aber es gibt nur selten Gebäudekomplexe, in denen sich deutsche Geschichte so widerspiegelt wie in den Bauwerken in der Finckensteinallee 63. Sie dienten als preußische Hauptkadettenanstalt, als Staatliche Bildungsanstalt und als Kaserne - erst einer Polizeigruppe, dann der Leibstandarte SS "Adolf Hitler", der Roten Armee und der US Army. Heute beherbergen die Gebäude ein Archiv und ein öffentliches Schwimmbad - die Nutzungen erklären also recht gut, was in den letzten anderthalb Jahrhunderten in Deutschland alles passierte.

Eine neue Ausstellung des Kulturamtes Steglitz-Zehlendorf will in der Ausstellung "Stramm stehen in Lichterfelde" nun einige Aspekte herausgreifen und darstellen. Vorgestellt werden die Baugeschichte, zwei Kadetten-Biografien (Ernst von Salomon und Felix von Eckardt), die Staatliche Bildungsanstalt während der Weimarer Republik, die Polizeigruppe z.b.V. Wecke, Erschießungen im Zusammenhang mit dem "Röhm-Putsch" 1934, die Leibstandarte SS "Adolf Hitler", die kurze Zeit der Roten Armee und die Blockade der US-Andrews-Barracks durch die Friedensbewegung 1983.

Für alle, die mit der Geschichte der Bauwerke nicht vertraut sind, hier ein kurzer Blick in die Vergangenheit, der einen Besuch der Ausstellung nahelegt:

Nachdem der Kaufmann Johann Anton Wilhelm Carstenn 1871 dem preußischen Militär 93 Morgen baureif erschlossenes Land geschenkt hatte, baute man in Lichterfelde von 1873 bis 1878 eine Preußische Hauptkadettenanstalt. In der Anlage wurden meist mehr als 1000 Kadetten (heute: Offiziersanwärter) ausgebildet. Auch verband die erste elektrische Straßenbahn Berlins den Eingang des Geländes mit dem neuen Bahnhof Groß Lichterfelde-Ost und drumherum entstand Lichterfelde mit vielen Offiziers-Häusern, wie es sich Carstenn erhofft hatte.

Lichterfelde_erste_Straßenbahn_1881__.jpgDie erste elektrische Straßenbahn der Welt fuhr ab 1881 vom Bahnhof Lichterfelde-Ost zur Kadettenanstalt. Der Grundbesitzer Carstenn hatte die Trasse Siemens zur Verfügung gestellt, nachdem eine zur Versorgung der Großbaustelle eingerichtete Eisenbahnstrecke nicht mehr nötig war.
Foto: Bundesarchiv



Lichterfelde_1910_zepp_500m.jpgDie Kadettenanstalt mit ihrem 62 Meter hohen Verwaltungs- und vier großen Kasernengebäuden machte 1910 einen imposanten Eindruck. Das Foto wurde aus einem Zeppelin in 500 Metern Höhe aufgenommen. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der größte Teil der alten Gebäude durch Bombenschäden und Sprengungen zerstört. Foto: Bundesarchiv

Lichterfelde_Feldmarschallsaal.jpgHier rechts noch ein Blick ins Innere: Der "Feldmarschallsaal" im Unterrichtsgebäude diente als Aula und Festsaal und er läßt gut erkennen, welchen gesellschaftlichen Wert man dem Militär zu Kaisers Zeiten beimaß.
Foto: Bundesarchiv


Nach dem Ersten Weltkrieg und der weitgehenden Entmilitarisierung Deutschlands durch den Versailler Vertrag wurde die Hauptkadettenanstalt durch ein Gymnasium ersetzt, wegen sinkender Schülerzahlen wurden Teilbereiche aber auch anders genutzt.

Mit der Machtübernahme der Nazis bestimmten ab Ende April 1933 wieder Uniformen das Bild der Kaserne, es zogen die Landespolizeigruppe Wecke und das SS-Sonderkommando Berlin ein, das später in Leibstandarte SS Adolf Hitler umbenannt wurde. Diese Einheit wurde ausgebaut und war Ende 1934 einziger Nutzer der Geländes, das man für sie erweiterte und mit den meisten heute noch vorhandenen Gebäuden bebaute - mit den Torbauten am neuen Haupteingang an der Finckensteinallee, mit Wirtschaftsgebäuden, Lagerhallen und vor allem mit der Schwimmhalle. Diese galt damals mit einem gefederten 50-Meter-Becken und einem 10-Meter-Sprungturm als größtes und als eines der modernsten Bäder der Welt.

Nach dem Krieg nutzte erst die Rote Armee die beschädigte Kaserne und beseitigte Reichsadler mit Hakenkreuze, im Juli 1945 folgte die amerikanische Berlin Brigade und nannte das Areal "Andrews Barracks". Die im Krieg zerstörten Bauten wurden nicht erneuert, dafür entstanden ab 1951 neue Mannschaftsunterkünfte und die Kapelle. Ende 1951 brannte auch der Westflügel des nordöstlichen Kasernengebäudes aus der Kadettenzeit ab, er wurde 1953 abgerissen und 1957 neu aufgebaut. Ende der 1970er-Jahre wollte man ihn wieder abreißen, was eine Bürgerinitiative aber verhinderte. Das Gebäude wurde saniert und steht seit 1986 unter Denkmalschutz.

Lichterfelde_Übergabe_SU_US.jpgAm am 4. Juli 1945 übergab die Rote Armee das Gelände an der Finckensteinallee an die US-Streitkräfte. An der Zeremonie waren Soldaten aller vier Besatzungsmächte beteiligt.
Foto: Bundesarchiv



Die militärische Nutzung endete mit dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte 1994. Das Bundesarchiv erhielt etwa ein Drittel des Kasernengeländes zur Nutzung, ein Teil wurde verkauft und die Schwimmhalle gehört seitdem dem Land Berlin. Sie wurde erst nur von Schulen und Vereinen genutzt und stand dann viele Jahre lang leer, bis man sie renovierte. Seit 2014 ist die Schwimmhalle wieder öffentlich zugänglich.

Für das Bundesarchiv wurde ein Magazingebäude errichtet ("Ernst-Posner-Bau"), außerdem baute man historische Gebäude um und fügte ein zentrales Benutzungsgebäude hinzu. Es entstand die räumlich und personell größte Dienststelle des Bundesarchivs mit hohem Benutzungsaufkommen, die die Bestände der "Abteilung Reich" einschließlich der vom Berlin Document Center übernommenen personenbezogenen Karteien, Bestände und Sammlungen aus der NS-Zeit, die Bestände der "Abteilung DDR" sowie die Archiv- und Bibliotheksbestände der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR (SAPMO) beherbergt.

Eröffnet wird die Ausstellung "Stramm stehen in Lichterfelde" am Dienstag, 27. Juni, um 19 Uhr.
Die Galerie in der Schwartzschen Villa ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
 
URL:  http://www.kultur-steglitz-zehlendorf.de/veranstaltungen.html#stramm

Eintritt kostenlos


Zur Umkreissuche   Anschrift
Schwartzsche Villa
Grunewaldstr 55
12165 Berlin - Steglitz-Zehlendorf
 
Telefon:  (030) 90299-2212
Telefax:  (030) 90299-2213
Email:  schwartzsche.villa@berlin.de
URL:  http://www.kultur-steglitz-zehlendorf.de/schwartzsche_villa.html
 
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